von Wolfgang Martin Stroh
Vor 15 Jahren haben Fred Ritzel und ich ein Buch zu Ehren Ulrich Günthers
herausgegeben. Meine Intention war damals, den Jubilar an sein Konzept
der Auditiven Wahrnehmungserziehung zu erinnern, das er, meines Erachtens
vollkommen zu Unrecht, schnöde ad acta gelegt hatte . Genauer: Günther
hat nie an der Bedeutung des Ansatzes gezweifelt, war aber der Meinung,
der Ansatz habe die MusiklehrerInnen überfordert und sei daher an
der Schulwirklichkeit gescheitert .] Wenn ich heute wieder und nochmals
auf die Auditive Wahrnehmungserziehung zu sprechen komme, so greife ich
meine damaligen Bemühungen wieder auf. Und zwar nicht nur deshalb,
weil mein damaliger Ruf ohn’ Antwort verhallt ist. Sondern weil trotz des
„musikpädagogischen Paradigmenwechsels“, der sich inzwischen in unserer
Zunft abgespielt hat, die auditive Wahrnehmungserziehung von einer Gruppe
von Menschen re-aktiviert wird, die sich dessen gar nicht bewußt
sind. Da vielleicht einige von Ihnen diese Menschengruppe auch noch nicht
genau kennengelernt haben, möchte ich Sie heute mit ihr und ihrer
Arbeit vertraut machen.
Im vergangenen Semester habe ich zusammen mit Thomas Münch und Hans Ulrich Werner - letzterer vom Studio für Klangdesign des WDR Köln - ein Projekt zum Thema „Soundscape“ durchgeführt. Anlaß war die Tatsache, daß uns das Phänomen „Soundscape“ aus drei unterschiedlichen Richtungen entgegengekommen war:
Aus Anlaß der Vorbereitung des Soundscape-Projektes besuchte ich im April ‘98 Justin Winkler in Basel, den Vorsitzenden der Deutschen Sektion des Worlds Forum for Acoustic Ecology und den Herausgeber der „New Soundscape Letters“. Herr Winkler ist Leiter des Schweizerischen Volksliedarchivs und hatte soeben ein Forschungsprojekt hinter sich gebracht, in dem er ein Archiv mit „Soundscapes“ schweizerischer Alpentäler angelegt hatte. Das Projekt geht auf eine These Murray Schafers zurück, wonach jede Landschaft ein eigentümliches Klangbild besitze, das beim Heimat-Gefühl der dort lebenden Menschen eine Rolle spiele.
Winkler erstellte 24-stündige Aufnahmen ausgewählter Orte eines Alpentals und schnitt diese dann zu 10-minütigen Soundscapes zusammen: Hörbeispiel („Tageslauf Lourtier/Schweiz“ von Justin Winkler und Claudia Pellegrini).
Justin Winkler erläuterte mir das aktuelle Arbeitsprogramm seines Vereins.
Dabei formulierte er eine Reihe pädagogischer Forderungen, die mir nicht
unbekannt vorkamen. Ich fragte ihn, ob er schon etwas von Auditiver Wahrnehmungserziehung
gehört habe. Winkler verneinte. Ich erklärte, daß es den Anschein
habe, die päd-agogischen Ziele des World Forum for Acoustic Ecology deckten
sich weitgehend mit den Zielen dessen, was wir Musikpädagogen „Auditive
Wahrnehmungserziehung“ nennen.
1993 tauchte ein Student bei mir auf und erzählte von einer Reise nach Kanada und der Gründung des World Forums of Acoustic Ecology. Er hieß Klaus Wittig. In den folgenden Jahren führte Wittig in ganz Deutschland „Soundwalks“ nach Schafers Vorbild durch, die in der lokalen Presse ein freundliches Echo fanden.
Mit unserem Seminar besuchten wir Wittig in Hude, wo er mit uns ebenfalls einen Soundwalk durchführte (Bild). Im Anschluß an den Soundwalk entlang des Huder Kanals führten wir ein Experiment durch, das in einer wissenschaftlichen Untersuchung Wittigs ausgewertet werden soll.
Im Jahr 1998 häuften sich meine Begegnungen mit dem Namen Murray Schafer. Im 3. Heft von Musik und Bildung wurde das Stück „epithaph for moonlight“ von Schafer, das 1971 in der Roten Reihe erschienen war, neu entdeckt und musikpädagogisch zubereitet. Wenige Wochen später erschien ein umfangreicher Aufsatz von Günter Olias über „Klanglandschaften“ in Musik in der Schule 4/1998. Ohne expliziten Bezug zur Auditiven Wahrnehmunserziehung entwickelt Olias eine ausgefeilte Didaktik von Soundscape. Im September las ich von einer für den 11. Oktober geplanten deutschen Erstaufführung des Musiktheater-Requiems „Patria II“ aus dem Jahre 1966-72 von Schafer in Dresden. Und am vergangenen Wochenende erzählte mir ein Bekannter von der Aufführung des Soundscapes „Winter Diary“ auf den Donaueschinger Musiktagen. Das am 23.12.1997 im WDR gesendete Stück hatte den Karl-Sczuka-Preis des SWF gewonnen und wurde in einem Kino vor dunkler Leinwand gespielt.
Fazit: Die Zeit war reif geworden für „Soundscape“... Murray Schafer,
über den ich auf einer Jahrestagung des „Forums für Klanglandschaft“
in Karlsruhe sagen hörfte, daß er zum alten Eisen der Soundscape-Bewegung
gehöre und etwas zurückgezogen-resigniert in seinem kanadischen Domizil
lebe, war mir innerhalb kurzer Zeit vier Mal in recht unterschiedlichen Zusammenhängen
begegnet.
Meine „Wiederbelebungs-Frage“ setzt den Tod der Auditiven Wahrnehmungserzie-hung voraus. Als Symptom des Todes wird die Einstellung des „Sequenzen 1“-Konzepts durch den Klettverlag angeführt . Ein weiteres Todeszeichen ist die Tatsache, daß spätere musikdidaktische Konzepte die Hörerzeihung weitgehend vernach-lässigen und dabei erfolgreich sind. Ich selbst frage gelegentlich MusikstudentInnen nach Erinnerungen an ihren Musikunterricht und stoße dann erstaunlich oft auf Erin-nerungen an musikalische Grafiken und Stricknadeln, die man an der Tischplatte befestigt, oder Strohhalme, auf denen man geblasen hatte. Mit dem Wort „Parameter“ können die wenigsten etwas anfangen. Die Erinnerungen sind dabei meist ohne Euphorie, aber auch nicht so haßerfüllt, wie ich es öfter bezüglich Singen, Formanalyse oder Klassik-Hören erlebe.
Solcherart „Tod“ vorausgesetzt ist auch über Todesursachen nachgedacht
worden. Ulrich Günther hat selbst resumiert, welche Elemente des Konzepts
gescheitert oder durch neuere Entwicklungen überholt seien. Dazu gehörten:
Die Praxis des Musikunterrichts, wie wir sie aufgrund der Nachfrage an Lehrerfort-bildung und natürlich auch beobachtend in der Schule verfolgen können, hat inzwi-schen aber einen postmodernen Paradigmenwechsel vollzogen. Danach wird das traditionelle Kommunikationsmodell der Musik ad acta gelegt. Es gibt nicht mehr „die“ Bedeutung von Musik, nicht mehr „das“ Verstehen von Musik. Es wird sinnlos von Sender, Empfänger und Botschaft zu reden - und pädagogisch danach zu handeln.
Nach dem neuen, postmodern konstruktivistischen Paradigma entstehen „Bedeutungen“ allein durch den Umgang eines Menschen mit dem Gegenstand, bei-spielsweise Musik. Der Mensch (vulgo „HörerIn“) „konstruiert“ seine Bedeutung, versteht so, wie, und das, was er will.
Sie alle haben sicherlich mehr oder weniger wohlwllend diesen Paradigmenwechsel schon beobachtet. Er ist keine Folge der Theorie oder wissenschaftlichen Pädago-gik. Er ist einfach die bestehende, gängige Praxis. Ob die Schütz’sche Afrodidaktik, die Lugert’sche Poppragmatik oder mein szenisches Spiel - immer wieder erscheint die MusiklehrerIn nur noch als RessigeurIn von Inszenierungen, innerhalb derer die SchülerInnen sich ihre höchst persönlichen Bedeutungen von Musik erarbeiten.
Für mich ist die Auditive Wahrnehmungserziehung eigentlich nur tot aufgrund
der Tatsache, daß sie ein durch die Praxis überholtes Paradigma voraussetzt.
Und deshalb war ich fasziniert bis schockiert, als ich auf die Soundscape-Bewegung
stieß, die alle Züge der Postmoderne trägt und dennoch Ideale
der traditionellen Hörerzie-hung aufrecht zu halten schien.
Mit traditioneller Akustikökologie verbinde ich die Tätigkeit der Psychologoischen Lärmforschung , die moralischen Mahnungen der Lärmaposteln im Sinne der „akustischen Umweltverschmutzung“ durch funktionale Musik, durch Massenmedien, Walkman oder Diskotheken. Liedtke ist in Deutschland eine marktführende Stimme, aber auch Murray Schafer ist in dieser Hinsicht rezipiert worden. Irgendwie gehört auch Berendt in diese Ecke, obgleich sein Konzept „Das Ohr ist der Weg“ nicht zwingend Lärm (z.B. lauten Free Jazz) vermeidet.
Die traditionelle Akustikökologie betrachtete folgende Phänomene:
Ob man die Untersuchungen zum Image eines Autos aufgrund des Klanges der Tür, zu irreversiblen Hörschäden bei Kindern aufgrund von Kinderspielzeug, zum Radiohören von Hausfrauen am Vormittag oder von Autofahrern in der Nacht, zur emotionalen Resonanz auf digital reproduzierte Musik etc. etc. nimmt .... immer wieder bemerkt man, daß der Umgang mit akustischem Schall in ein vielfältiges System von Lebensweisen einer Kultur eingebaut ist.
Der bereits erwähnte Paradigmenwechsel besagt auch hier, daß, sofern gewisse physiologische Grenzen eingehalten werden, jeder Mensch seinen eigenen Begriff von „Lärm“ und von akustischer Umwelt konstruiert. Freud und Leid mit eingeschlos-sen. Auf dem Jahreskongreß der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie 1998 in Dortmund habe ich erfahren, daß dies „Konstruieren“ von Lärm und akustischer Umwelt auch im medizinischen Sinne viel weiter geht, als ich erwartet hatte. Günter Fleischer vom Institut für Anatomie und Zytobiologie Gießen berichtete aus seinen empirischen Forschungen zu Hörschäden. Fleischer betreibt das weltweit größte Datenarchiv von Meßwerten über Hörkurven. Er versucht mit empirischen Methoden zentralen Ursachen von Hörschäden aufzuspüren. So hat er beispielsweise festge-stellt, daß einige Hörschäden bei Musikern der Wiener Philharmoniker nicht durch den Arbeitsplatz „Orchester“ sondern in der Freizeit oder durch Kindheitserfahrun-gen mit Ohrfeigen verursacht waren, er hat signifikante Ursachen im Bereich Kinder-spielzeug festgestellt, ist aber nicht in der Lage, signifikante Hörschäden aufgrund von Diskothekenbesuch festzustellen! (Letzteres erklärt Fleischer dadurch, daß dort zwar Dauerbelastung, aber keine extremen „Spitzen“ auftreten, was zu tinitusartigen Erscheinungen, nicht jedoch Veränderungen der Hörschwelle führt.)
Der aktuelle Trend der Akustikökologie geht weg von „Aufklärung“
und Kritik hin zu bewußter akustischer Umweltgestaltung bzw. Beschallung.
So lebt Muzack mit der Bezeichnung „Klangdesign“ wieder auf. Die Jingles im
Radio oder die Lautstärken-steuerung von Hintergrundsmusik in Abhängigkeit
vom Lärmpegel in einer Kneipe sind erste Anzeichen. 400 000 DM hat der
Bremer Senat für die Installation japani-scher Wassergeräusche ausgegeben,
die man aus Lautsprecher-Gullis vor der Kongreßhalle hören kann.
Spiekeroogs Fremdenverkehrsverein engagierte das Erste improvisierende Streichorchester
für dreitägiges „LandArt“-Projekt, an dem alle Inselbewohner teilhatten.
Auf der Expo 2000 installiert eine Oldenburger Freizeit-sport-Arbeitsgruppe
nicht nur taktile „Relax-Walks“, sondern selbstverständlich auch akustische.
Horoskopvertonungen mit eingeschlossen.
Daß ein „Soundscape“ im strengen Sinne ein akustisches Landschaftsbild ist, habe ich bereits erwähnt. Murray Schafers Theorie postuliert, daß es so etwas gibt und daß so etwas überhaupt von Relevanz für das Leben von Menschen ist. Heute kann man „Sound Maps“ vieler Regionen der Welt bekommen. Winkler hat solche Land-karten für Alpentäler erstellt. Im Internet kann man einen „Soundwalk“ durch Toronto durchführen oder sich einzelne WAV-Dateien mit Umweltgeräuschen aus aller Welt „runterladen“. Als Hörbeispiel führe ich Ihnen vor, wie sich eine Turmglocke in To-ronto und das Innere einer Kneipe in Maui (eine der Hawi’i-Inseln) übers Internet anhört.
Ein „künstlerisch wertvolles“ Projekt hat Thomas Gerwin am Zentrum für
Kunst- und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe durchgeführt. Vor ca. 2 Jahren
veröffentlichte Gerwin einen Aufruf, in dem er Menschen aus aller Welt
bat, ihm Tonaufnahmen aus ihrer Lebensumgebung zu schicken. Gerwin erhielt einige
hundert Tapes und bearbeitete diese zu kleinen (oft rhythmisierten) Klangschnipseln.
Ca. 100 solcher Schnipsel können allein oder in Gruppen über einen
Knopfdruck abgerufen werden. An einer riesigen Landkarte leuchten entsprechende
Lichtpunkte auf. Mehrere Schnipsel können gleichzeitig abgespielt werden,
sie sind musikalisch aufeinander bezogen. Nach meinen persönlichen Erfahrungen
ist diese „Akustische Weltkarte“ (Bild), die im Herbst 1997 mit dem ZKM eingeweiht
wurde, ein faszinierendes Spielzeug für Laien und ein kompositorisches
Tool für MusikerInnen.
Thomas Gerwin verkörpert die deutsche Soundscape-Bewegung. Er ist Vizepräsident der deutschsprachigen Sektion des 1993 gegründeten World Forum for Acou-stic Ecology, das sich „Forum für Klanglandfschaft“ nennt. Gerwin hat Soundscapes im Auftrag zahlreicher Organisationen erstellt, so einen über das Wattenmeer an-läßlich des 10-jährigen Bestehens des Niedersächsischen Naturparks Wattenmeer, über den Neckar für die Bundesgartenschau ‘98 in Plochingen usw.
Das World Forum for Acoustic Ecology ist zwar am 13.8.1993 in Kanada gegründet worden, hat sich aber erst am 13.6.1998 in Stockholm anläßlich einer Fachtagung zum selben Thema formell konstituiert. Um 60 Mark ist man dabei! Mitglieder sind überwiegend Raumplaner, Architekten, Rundfunkmacher und Menschen aus den Kulturbehörden der Kommunen. Die produktionsstärkste Lobby hat die Soundscape-Bewegung am Hessischen und Westdeutschen Rundfunk.
Seit 1993 gibt es „Die Schule des Hörens“, für die Karl Kast 1997 eine Sendereihe des Hessischen Rundfunks erarbeitet hat. Sein sog. „Sound Puzzle“ gibt es inzwischen auch auf CD. Diese Schule des Hörens veranstaltete bislang 20 Tagungen und sonstige Groß-Events, davon 10 im Jahre 1997. Ihr Sitz ist zur Zeit Köln, wo sich auch Hans Ulrich Werner mit dem WDR-Studio für Klangdesign befindet. Für den WDR produzieren zahlreiche freie Mitarbeiter unter der Bezeichnung „Soundscape“ Hörspiele oder Hörreportagen, z.B. Michael Rüsenberg und Wolfgang Hamm. Die entsprechenden Soundscapes tauchen nicht nur in der Sendezeit von Klaus Schönings „Studio für akustische Kunst“, sondern auch in den täglichen „Musikpassagen“ und dem „Zeit-Zeichen“ auf. Hier ersetzen sie die üblichen Wort-Ton-Sendungen, in denen ja auch schon früher Originalaufnahmen von WDR-Reportern gesendet wurden.
Ein Beispiel: In einer üblichen Wort-Ton-Sendung über „Gamelanmusik“ werden In-terviews mit Musikern, O-Tonaufnahmen aus Java und Kommentare des Redakteurs zusammengeschnitten und, vor allem bei den Musikaufnahmen, die Hintergrund-Störgeräusche ausgeblendet. Beim Soundscape gibt es keinen sprechenden Redakteur mehr. Der Redakteur kommentiert dadurch, daß er sein (reales oder virtuelles) Mikrofon auf unterschiedliche Begebenheiten in Bali richtet, gackernde Hühner, streitende PassantInnen, Gamelan spielende Musiker, singende Zuhörerinnen usw. Die Musik erscheint so, wie es ja auch „im Original“ der Fall ist, in eine Klangland-schaft eingebettet, die der Redakteur als Ganze protraitiert und akustisch zeichnet. Hörbeispiel (Wolfgang Hamm „Bali Soundscape“, WDR 5 27.9.97)..
Die Soundscape-Bewegung verbindet, wie die erwähnten Initiativen zeigen,
künstle-risch-produktive und (medien-)pädagogische Komponenten.
Virtueller „Auftraggeber“ ist derzeit weder die Medien- noch die Musikpädagogik,
sondern ganz offensichtlich der Rundfunk, der nach einem neuen Selbstverständnis
sucht. Und er formuliert in der Tat inzwischen Ziele, die aus der klassischen
Zeit der Audi-tiven Wahrnehmungserziehung stammen könnten.
Der Projektkreis SCHULE DES HÖRENS e.V. hat sich zur Aufgabe gesetzt,
die Bedeutung des (Zu)Hörens und die Notwendigkeit des Hören-Lernens
in das öffentliche Bewußtsein zu heben. Er unterstützt Projekte
der Bildung, Erforschung und Pflege der Sinneskompetenz des Hörens“ (Internet-Darstellung).
Der aktuelle Aufruf der SCHULE DES HÖRENS im Internet formuliert keine
konkreten Methoden der Hörerziehung. Insofern handelt es sich hier nicht
um eine „Schule“ im herkömmlichen Sinn. Streng genommen ist es das Ziel
des Vereins, die politischen Voraussetzungen für eine Auditive Wahrnehmungserziehung
zu schaffen, denn es soll ja zunächst „die Bedeutung“ des (Zu)Hörens
und des Hören-Lernens „ins öffentliche Bewußtsein“ gehoben werden.
Dieser gleichsam methoden-indifferente und damit pluralistische Ansatz kennzeichnet
bereits einen wesentlichen Unterschied zwischen der Philosophie der Soundscape-Bewegung
und der Auditiven Wahrnehmungserziehung. Insofern finden sich in den Tagungsberichten
und Publikationen, die die SCHULE DES HÖRENS initiiert, so heterogene Beiträge
wie
Mit Sicherheit stimmen die Zielformulierungen von Soundscape-Bewegung und Auditiver Wahrnehmungserziehung weitgehend überein. Dennoch spielen sich derartige Zielformulierungen auf einem unterschiedlichen Hintergrund ab. Auch wenn die Erscheinungen weitgehend gleich aussehen, so können sie doch Unterschiedliches bedeuten! Der erwähnte Methodenpluralismus der Soundscape-Bewegung ist Symptom eines tiefer liegenden Unterschieds:
Wie schon gesagt ging die Auditive Wahrnehmungserziehung vom traditionellen musikpädagogischen Paradigma aus. Ihr Kennzeichen war das Kommunikationsmo-dell von Sender, Empfänger und Botschaft, die Musikästhetik von von Form und In-halt sowie eine Didaktik, die auf „Vermitteln“ und „Verstehen“ aufbaute. Hörerzie-hung bedeutete unter Zugrundelegung dieses Paradigmas letztendlich die Heranführung der SchülerIn an „die Musik“, „den bedeutungsvollen Schall“. Adorno hin oder her: diese Bedeutung muß letztendlich dechiffriert werden. Es gibt ein eindeutiges Richtig und Falsch, einen adäquaten oder inadäquaten Umgang mit Musik.
Die Soundscape-Bewegung hingegen benutzt das Hören und Zuhören nur im Sinne einer notwendigen Voraussetzung, mit deren Hilfe sich die Menschen Wirklichkeit aneignen - exemplarisch die sie umgebende „Klanglandschaft“. Die Bedeutung fin-det hierbei gemäß dem neuen, konstruktivistischen Paradigma jeder Mensch selbst. Die Bedeutung ist nicht mehr in einem „bedeutungsvollen Schall“ kodiert. Insofern ist Zappen erlaubt, das gezielte und technisch vermittelte Floaten zwischen „Soundscapes“. Insofern ist Hören Teil bei der Erstellung einer patchwork-Jugendkultur. Hören und Zuhören sind Fähigkeiten im Kontext dessen, was die Me-dienpädagogik „Medienkompetenz“ nennt. Ökologisch ausgedrückt: jeder ver-schmutzt sich seine Umwelt so, wie er es will. Daß er es in omnipotenter Weise kann, ist eine der euphorischen Grundannahmen des neuen Paradigmas, über dessen Legitimation ich hier nicht zu Gericht sitze.
Meine grobe Antwort auf die Frage, ob die Soundscape-Bewegung die Auditive
Wahrnehmungserziehung wiederbelebt, lautet daher: Wiederbelebung ja, aber auf
der Basis eines neuen Paradigmas. Dadurch hat sich aber die Bedeutung des ganzen
ursprünglichen Unternehmens grundlegend verändert.
Die Soundscape-Übungen, die wir mit StudentInnen durchgeführt haben,
unter-scheiden sich kaum von dem, was wir seit 25 Jahren hier unter „apparativer
Musik-praxis“ verstehen. Ziel einer Soundscape-Produktion war, eine Klanglandschaft
akustisch zu zeichnen. Dabei sollten sich die ProduzentInnen bewußt sein,
daß
Im weiteren Verlauf des Seminars bearbeiteten alle StudentInnen das Thema „Meer“.
Ich selbst erstellte einen kleinen Soundscape, in dem ich Erlebnisse anläßlich
eines Aufenthalts im Nordseebad Schillig portraitierte (Bild). Zwei akustische
Erlebnisse erschienen mir bemerkenswert: erstens das Geräusch einer Kinderschaukel
in Verbindung mit Mövengeschrei und zweitens die Begeisterung eines Jungen
über einen Sightseeing-Hubschrauber, dessen Lärm mich erheblich ärgerte.
Hörbeispiel.
Mein didaktischer Ansatz beim Umgang mit Soundscapes ist folgender:
Die ProduzentInnen (KomponistInnen oder SchülerInnen) machen „vor Ort“
gewisse Erfahrungen, die durch eine Reihe akustischer Erlebnisse ausgelöst
werden. Diese Erlebnisse werden gesammelt in der Absicht, etwas von der eigenen
Erfahrung zu vermitteln. Dazu werden die akustischen Erlebnis-Schnipsel neu
zu einem Sound-scape zusammengestellt, „komponiert“. Beim Anhören der Soundscape-Produktion
laufen die akustischen Erlebnisse in Verbindung mit dem unausgesprochenen Kommentar,
den die Zusammenstellung bzw. Komposition des Klangmaterials dar-stellt, vor
den HörerInnen (z.B. MitschülerInnen) ab. Die HörerInnen „konstruieren“
sich „Bedeutungen“, indem sie Erlebnisse „haben“. Erst dann, wenn mit anderen
Menschen über diese Erlebnisse - verbal oder nonverbal - kommuniziert wird,
wer-den aus den Erlebnissen Erfahrungen, aus denen gelernt wird. Dieser Vorgang
geschieht unter bewußter Kontrolle der MusiklehrerIn. Er beinhaltet „Lernen“.
Der gesamte Prozeß ist eine neue, postmoderne Form von auditiver Wahrnehmungserzie-hung
mit Hilfe von „Soundscapes“.